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Lohnen sich Zwangsversteigerungen? Was die Daten sagen.

Die meistdiskutierte Frage in Immobilien-Foren — und fast immer nur mit Meinungen beantwortet. Wir haben echte Marktdaten, zwei Universitätsstudien und amtliche Zuschlagsquoten ausgewertet. Hier ist das Ergebnis.

Der Markt in Zahlen: Trendwende nach 15 Jahren Rückgang

Nach dem Allzeithoch von über 90.000 Versteigerungsterminen in 2005 sank die Zahl kontinuierlich — bis zur Trendwende. Seit 2023 steigen die Zahlen wieder, getrieben durch die Zinswende, steigende Insolvenzen und auslaufende Niedrigzins-Darlehen.

14.082
Objekte 2025 (+4,7 %)
4,76 Mrd.
EUR Gesamtvolumen
70 %
Wohnimmobilien
337.839 €
Ø Verkehrswert

Historische Entwicklung (Argetra-Daten)

Jahr Objekte Veränderung
2005~92.000Allzeithoch
2010~82.000
2015~37.900↓↓
2022Tiefpunkt↓↓↓
202312.332Trendwende
202413.445+10 %
202514.082+4,7 %

Quelle: Argetra Fachverlag (publiziert via Haufe). Argetra erfasst ~500 Amtsgerichte mit über 780.000 Terminen in der Datenbank. NRW führt mit 20 % Marktanteil. Thüringen hat die höchste ZV-Dichte (60 Termine / 100k Haushalte), Bayern die niedrigste (27).

Warum steigen die Zahlen jetzt?

Die Zinswende trifft Eigentümer mit zeitlicher Verzögerung. Wer 2021 bei 0,85 % finanziert hat, zahlt bei Anschlussfinanzierung 2031 möglicherweise 3,5 % — das sind bei einem 300.000-EUR-Darlehen 500 EUR mehr pro Monat. Gleichzeitig stiegen Insolvenzen 2024 um 25 % gegenüber dem Vorjahr. Die Folge: Mehr Zwangsversteigerungen, mehr Angebot für Käufer.

Quellen: Business Insider (Zinsrechnung), Creditreform (Insolvenzen +25 %)

Was sagen die Studien? Echte Erlösquoten aus der Forschung

Zwei Universitätsstudien haben empirisch untersucht, was bei Zwangsversteigerungen tatsächlich bezahlt wird — mit tausenden Datenpunkten, nicht mit Anekdoten.

🎓

Universität Weimar — Kohts (2010)

Masterarbeit: „Zum Verhältnis von Versteigerungserlös zu Verkehrswert"

25.000
Zwangsversteigerungen analysiert
59 %
Ø Erlösquote (% des Verkehrswerts)
±21 Pp.
Standardabweichung

Bedeutung: Im Schnitt wird bei 59 % des Verkehrswerts zugeschlagen — aber die Streuung ist enorm. Manche Objekte gehen für 38 % weg, andere für 80 %. Zentralere Lage führt zu höheren Erlösen; eine Verdopplung des Bodenrichtwerts erhöht die Erlösquote um ca. 5 Prozentpunkte. In der Peripherie gibt es häufiger Verfahren mit nur einem Bieter — und entsprechend niedrigere Erlöse.

🎓

Universität Regensburg — Maurin (2017)

Dissertation: „Distressed Real Estate Assets" — hunderttausende Datenpunkte (Argetra + Bulwiengesa-RIWIS)

ZV-Abschlag nach Objekttyp und Lagequalität

Objekttyp Ø Abschlag Einfache Lage Gute Lage
Einfamilienhaus-14,2 %-23,8 %-27,6 %
Eigentumswohnung-31,9 %-14,4 %-47,0 %
Reihenhaus-11,2 %-16,3 %-26,7 %
Gesamt (aggregiert)-25,3 %
Westdeutschland
-16,6 %
Abschlag vs. freier Markt
Ostdeutschland
-49,8 %
Abschlag vs. freier Markt

Wichtigste Erkenntnis: Die Korrelation zwischen BIP und ZV-Häufigkeit beträgt -0,934 (extrem stark). Das bedeutet: Wenn die Wirtschaft schwächelt, steigen Zwangsversteigerungen — und gleichzeitig fallen die Gutachterwerte der ZV-Objekte, während Freihandpreise stabil bleiben oder steigen. Der ZV-Markt läuft gegenläufig zum regulären Immobilienmarkt. Für Investoren heißt das: In wirtschaftlich schwachen Phasen sind die besten Deals möglich.

Quellen: Kohts (2010), Bauhaus-Universität Weimar. Maurin (2017), Universität Regensburg, Daten: Argetra + Bulwiengesa-RIWIS, 2008-2011.

Warum sind Zwangsversteigerungen günstiger?

Drei Mechanismen erklären den Discount: niedrigere Nebenkosten, regionale Preisabschläge und die Informationsasymmetrie des Verfahrens.

1. Niedrigere Nebenkosten (3-6 Prozentpunkte Ersparnis)

Makler und Notar entfallen komplett. Bei einem Zuschlag von 200.000 EUR in NRW spart man allein bei den Nebenkosten rund 6.000-9.000 EUR gegenüber einem normalen Kauf.

Detaillierte Aufschlüsselung: Cashflow bei Zwangsversteigerungen berechnen →

2. Verkehrswert liegt unter Marktpreis (CRES-Daten 2024)

Der Verkehrswert, der im Gutachten festgesetzt wird, liegt in den meisten Bundesländern deutlich unter den Angebotspreisen auf Immobilienportalen. Das bedeutet: Selbst bei einem Zuschlag zum vollen Verkehrswert kauft man oft unter Marktpreis.

Bundesland VW in % des Marktpreises Eingebauter Discount
Thüringen 54 % 46 %
Sachsen 55 % 45 %
Sachsen-Anhalt 57 % 43 %
NRW 69 % 31 %
Bayern 77 % 23 %
Berlin 92 % 8 %

Quelle: CRES Marktreport Zwangsversteigerungen 2024 (Steinbeis Center for Real Estate Studies). Angebotspreise: Bulwiengesa-RIWIS / Portalangebote. VW: Amtliche Gutachten.

3. Der Zuschlag liegt nochmal darunter (amtliche Daten)

Zusätzlich zum eingebauten VW-Discount liegt der tatsächliche Zuschlag oft nochmal unter dem Verkehrswert. Wie weit darunter — das hängt stark von der Region ab:

Kreis / Stadt Ø Zuschlag (% des VW)
Potsdam 56 %
Hagen 62 %
Märkischer Kreis 63 %
Kreis Viersen 78 %
Rhein-Erft-Kreis 84 %
Krefeld 85 %
Kreis Paderborn 89 %
Barnim 95 %
Hamm 97 %

Quellen: Amtliche Grundstücksmarktberichte der jeweiligen Gutachterausschüsse. Bundesweiter Durchschnitt laut Uni Weimar (Kohts, 2010): 59 % (±21 Prozentpunkte).

Die Kehrseite — was Sie einkalkulieren müssen

Ein Discount existiert, weil es Risiken gibt. Wer diese unterschätzt, macht aus einem vermeintlichen Schnäppchen ein Verlustgeschäft. Hier sind die konkreten Zahlen.

Keine Gewährleistung (§ 56 ZVG)

Renovierungskosten für eine 80-m²-Wohnung je nach Zustand: Kosmetisch 7.800-15.900 EUR, Modernisierung 37.300-65.900 EUR, Kernsanierung 68.000-138.500 EUR. Regional +25-35 % in München, -15-25 % in Ostdeutschland ländlich.

Räumungsrisiko

Berliner Modell (vereinfacht): 500-1.500 EUR. Klassische Räumung: 3.000-8.000 EUR. Worst Case bei Mietnomaden: 13.000-30.000 EUR über 9-18 Monate. Das Sonderkündigungsrecht (§ 57a ZVG) muss zum erstmöglichen Termin ausgeübt werden — versäumt man es, verfällt es endgültig.

Die Beleihungswert-Falle

Banken rechnen den Kredit nicht vom Verkehrswert, sondern vom Zuschlagspreis. Beispiel: VW 120.000 EUR, Zuschlag 90.000 EUR → Bank gibt maximal 72.000 EUR Kredit (80 % von 90.000), nicht 96.000 EUR. Der vermeintliche Discount erzeugt keinen günstigeren LTV-Effekt.

Sonderumlagen-Falle (BGH IX ZR 21/07)

Entscheidend ist nicht, wann die Sonderumlage beschlossen wurde, sondern wann sie fällig ist. Vor dem Zuschlag beschlossen, nach dem Zuschlag fällig = der Ersteher zahlt. Typische Höhe: Dachsanierung 10.000-50.000 EUR pro Einheit. Das Gericht wertet das nicht als Rechtsmissbrauch.

Schrottimmobilien-Missbrauch

Laut Creditreform kauften „Investoren" heruntergekommene Häuser mit nur 10 % Sicherheitsleistung, kassierten Miete und sanierten nicht. Der Gesetzgeber hat reagiert: Der Kaufpreis muss jetzt vollständig hinterlegt sein, bevor der Käufer Besitz ergreift.

Wann lohnt es sich konkret? Die Checkliste

Nicht jede Zwangsversteigerung ist ein Deal. Diese 8 Prüfpunkte helfen, schnell zu entscheiden.

Bruttomietrendite ≥ 4 %

Unter 4 % ist positiver Cashflow bei 3,7 % Zins kaum möglich

Kaufpreis-Multiplikator ≤ 20x

Kaufpreis / Jahreskaltmiete. Über 20x fast immer negativ

Leverage-Check > 6,2 %

Bruttomietrendite muss über Zins + Tilgung + Verwaltung liegen

Eigenkapital verfügbar ≥ 18.500 €

Auch bei „100 % Finanzierung" braucht man ~19k EUR cash

Renovierungspuffer Eingeplant

Sanierung geschätzt + 30 % Sicherheit. Ohne Puffer kein Gebot

Finanzierung vorab Zusage da

Nach Zuschlag kein Rücktritt möglich — Bankzusage vorher einholen

Gutachten gelesen Ja

Grundbuch geprüft, Schäden identifiziert, Wertgrenzen verstanden

Maximalgebot definiert Festgelegt

Vorab berechnet und konsequent eingehalten — nie im Termin erhöhen

Due Diligence vor dem Termin — Kosten: ca. 100 EUR

Informationsquelle Kosten
Akteneinsicht § 42 ZVG (Gutachten, Grundbuch, Teilungserklärung)kostenlos
Grundbuchauszug10-30 EUR
Baulastenverzeichnis20-100 EUR
Altlastenkataster~35 EUR
Bausachverständiger (Außeninspektion)200-500 EUR
Gesamt (ohne Sachverständiger)~100 EUR

Quelle: § 42 ZVG (kostenlose Akteneinsicht), eigene Recherche. Die Akteneinsicht ist das wichtigste und am wenigsten genutzte Werkzeug für Bieter — kostenlos, ohne besonderen Nachweis, kaum von Laien genutzt.

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Häufige Fragen

Kann man bei Zwangsversteigerungen wirklich Schnäppchen machen?
Ja, aber regional sehr unterschiedlich. Laut amtlichen Grundstücksmarktberichten liegt der durchschnittliche Zuschlag in Hagen bei 62 % des Verkehrswerts, in Potsdam bei 56 % — in Hamm dagegen bei 97 %. Die Uni Regensburg belegt einen durchschnittlichen Preisabschlag von 25,3 % gegenüber dem freien Markt (Gesamtdeutschland), in Ostdeutschland sogar 49,8 %. Echter Vorteil entsteht in strukturschwachen Regionen mit wenig Bieterkonkurrenz — in Großstädten wie Berlin oder München liegt der Verkehrswert bei 92 % bzw. 77 % des Marktpreises, da ist wenig Spielraum.
Wie viel Eigenkapital brauche ich wirklich?
Mehr als die meisten denken. Die 10 % Sicherheitsleistung (§ 68 ZVG) am Versteigerungstag ist nicht mitfinanzierbar — sie muss aus eigener Tasche kommen (kein Bargeld, nur Scheck oder Vorabüberweisung). Dazu kommen Grunderwerbsteuer (3,5-6,5 % je Bundesland), Gerichtskosten (~1 %) und erste Renovierungsschritte. Konkretes Beispiel für NRW: Bei 90.000 EUR Zuschlag brauchen Sie mindestens 18.525 EUR an eigenen Mitteln — auch wenn die Bank den Zuschlagspreis zu 100 % finanziert. Und die Bank finanziert auf Basis des Zuschlagspreises, nicht des höheren Verkehrswerts.
Hat man als Anfänger überhaupt eine Chance?
Ja — wenn man besser informiert ist als die Konkurrenz. Die Akteneinsicht (§ 42 ZVG) ist kostenlos und liefert Gutachten, Grundbuch und Teilungserklärung. Die meisten Laien nutzen sie nicht. Ein kompletter Due-Diligence-Check kostet ca. 100 EUR (Grundbuch 10-30 EUR, Baulastenverzeichnis 20-100 EUR, Altlastenkataster ~35 EUR). Der Bieterfeld bei den meisten Objekten liegt bei 2-5 Personen — bei Problemfällen sogar bei 0-2. Wer das Gutachten gründlich liest und die Risiken quantifiziert, hat einen echten Informationsvorsprung.
Welche versteckten Kosten muss ich kennen?
Vier oft übersehene Posten: Erstens die Beleihungswert-Falle — die Bank rechnet von Zuschlagspreis, nicht vom höheren Verkehrswert. Bei 120k VW und 90k Zuschlag gibt die Bank nur 72k, nicht 96k. Zweitens 4 % Verzugszinsen ab dem Zuschlagstag, die nur durch formale Hinterlegung (HS1-Formular + Verzicht auf Rücknahme) gestoppt werden — eine einfache Überweisung reicht nicht. Drittens die GrESt-Falle bei WEG-Wohnungen: Die Instandhaltungsrücklage kann bei ZV nicht aus der GrESt-Bemessungsgrundlage herausgerechnet werden (bei Freihandkauf schon). Viertens Sonderumlagen, die vor dem Zuschlag beschlossen und nach dem Zuschlag fällig werden — der Ersteher zahlt (BGH IX ZR 21/07).